Wiederholungen

Zu BOICUT und seiner Ausstellung Samples Of Sanity

 

Entlang der Piaristengasse, einer Einbahn im 8. Bezirk, parken Autos. Alte und neue, Autos mit vier oder fünf Sitzen, auch Zweisitzer stehen da. Es sind Autos in allen Größen und Formen. Manche sind silber, andere schwarz, braun, grün, blau oder anthrazit. Eingepfercht zwischen cremefarbenen Häuserblocks geben sie der Gasse ihren müden Farbton. Hier liegt das Atelier von BOICUT, es ist ein Gassenlokal, in dessen Schaufenster eines seiner Bilder hängt. In den vergangenen Wochen, es sind die letzten des Jahres, hat es sich so eingeschlichen, dass ich, wann immer ich hier zu Besuch bin, um BOICUT bei der Arbeit zuzusehen, ein kleines Spiel mache: Ich bleibe einen Moment lang vor der Eingangstür stehen und vergleiche die Farben der Leinwand im Fenster mit jenen der Karosserien. Gemeinsamkeiten sind dabei selten auszumachen. Auch heute nicht. Zu kräftig ist das HubbaBubba-Rosa seiner Bilder; das Gelb, Rot, Türkis, die Blautöne. In diesen Farben liegt kein Mittelweg, kein Kompromiss und keine Höflichkeit. Sie sind, was sie sind: laut, bold und weder pur- noch piaristisch (Wikipedia: die Piaristen sind eine katholische Ordensgemeinschaft).

In diesen Farben liegt kein Mittelweg, kein Kompromiss und keine Höflichkeit.

Ich stehe also vor der Glastür, doch sie ist verschlossen. BOICUT sitzt auf einem Barhocker und föhnt. Nicht etwa seine Haare, sondern ein Bild. Als er mich entdeckt, lässt er sprichwörtlich alles fallen, steht auf, kommt näher, öffnet, grüßt, tritt zur Seite und schließt nach mir wieder ab. Ein bisschen ist es, als würde ich das Zimmer eines Kindes betreten, das ich nicht besonders gut kenne. Andächtiges Durch-den-Raum-Tapsen – da liegen Gafferbänder, stehen Farbkübel und Leinwände, eine Schere liegt da, ein Basketball, eine Stirnlampe, ein Papierl, auch Stifte, Pinsel, Audio-Kassetten, dazu ein Hammer, eine Wasserwaage, Farbwalzen, ein Hocker aus Holz. BOICUT bietet mir Kaffee an, wir setzen uns. Neben uns, in Luftpolsterfolie eingepackt, lehnt Bild an Bild. Wieso er das mit dem Föhn gemacht hat, frage ich. Und er: Das Trocknen der Farben dauert oft sehr lange und Geduld ist nicht unbedingt meine Stärke. BOICUT greift nach dem Feuerzeug, dann spricht er weiter: Überhaupt ist die Ungeduld, der ständige Drang etwas zu tun, mein täglich grüßendes Murmeltier.

Überhaupt ist die Ungeduld, der ständige Drang etwas zu tun, mein täglich grüßendes Murmeltier.

„Samples Of Sanity“ (kurz: S.O.S.) nennt BOICUT seine Ausstellung. Im Unterschied zu Vorangegangenem zeigt er diesmal neben Bildern und Skulpturen auch erstmals eine Sound-Installation. Ihn, der jahrelang in Punk-Bands gespielt hat, zieht es zum Ambient. Wer eine Verbindungslinie sucht zwischen dem Visuellen und dem Klang, wird schon im Titel fündig. Samples – also Vorlagen – sind das Motiv, das sich durchzieht. Farben, Formen und Töne kommen vor und kehren wieder: das Tuch, die Briefmarke, der Bogen oder das Klackern der Gastherme. Während aus den Bildern etwas Unbekümmertes, der Fun und die Chuzpe sprechen, steht der Sound für die andere Seite. Hier wird es mystisch, unfassbar und schön; in S.O.S. kommt der Wunsch nach Ruhe und Gewogenwerden zum Ausdruck. Diese Klänge klagen nicht, sie jaulen. Mal sind sie das Mayday auf offener See, dann Hirngespinst, dann Vogellaut. Immer sind es Landschaften, die sich ausbreiten. Wir, die Hörenden, werden irgendwo am Waldrand ausgesetzt, früh am Morgen, und von hier aus fortgetragen. BOICUTs Installation ist eine (41-minütige) Geisterstunde, eine Rundreise, die uns den ewigen Loop von Anfang und Ende in Ohren führt.

Während aus den Bildern etwas Unbekümmertes, der Fun und die Chuzpe sprechen, steht der Sound für die andere Seite. Hier wird es mystisch, unfassbar und schön.

Einmal als wir auf der Couch saßen, mit Kaffee auf dem Tisch und Tabak, erzählte BOICUT von einer tage- und nächtelang andauernden Beschäftigung mit einem Geschirrtuch. Wie sehr ihn diese Streifen und Falten geflasht hätten. Ein ganz gewöhnliches Tuch wäre das gewesen. Ist das jetzt einfach nur das Halli-Galli-Privileg eines etablierten Künstlers oder steckt da mehr dahinter?, dachte ich damals. Heute denke ich anders. BOICUTs Bilder lassen uns auf die Knie gehen, freilich nicht aus Ehrfurcht, sondern aus Empathie. Sie ermöglichen uns, in den Kosmos der Kindheit zurückzutauchen. Eine Etage tiefer zu gehen. Eben den Perspektivenwechsel: auf die Knie. Zu sehen und zu hören wie damals, als Jungspunde, und zurückzufinden zu einer Wahrnehmung, in der erstmal alles neu und unentdeckt scheint. Das Geschirrtuch veranschaulicht das. Dieser Gebrauchsgegenstand, der uns alle umgibt, aber oft untergeht in seiner bloßen Funktion und damit unsichtbar bleibt. BOICUT nimmt Teile davon und macht daraus ein Werk, das uns Sanity, also geistige Gesundung verspricht.

Und was fehlt noch? Natürlich, die Frage der Inspiration. In seinen Anfängen haben ihn die Arbeiten von Jon Burgerman beeinflusst, heute ist es mehr der Austausch mit Vertrauten, wie der Künstlerin Z oder Peter Phobia, der ihm hilft. Handwerklich findet er seine Meister woanders: Dieser simple Strich – das ist es, was mir an Kinderzeichnungen so taugt, sagt BOICUT.

Im Buch „Verbannt!“ von Ann Cotten heißt es: Und so verklebt Erwachsensein die ganze Welt. Jene Werke, die bei „Samples Of Sanity“ gezeigt werden, arbeiten gegen dieses Verkleben. Sie geben der einzelnen Form Luft und damit Wirkung; weniger als um Verschmelzung scheint es um Koexistenz, oder anders: um die Überlappung von Oberfläche und Tiefe zu gehen. Darum, dass alles Platz hat. Das Dreidimensionale neben dem Kinderstrich. Das Abstrakte neben dem Konkreten. Das Bemmerl neben dem Dings.

Dieser simple Strich – das ist es, was mir an Kinderzeichnungen so taugt.

Der Kaffee ist leergetrunken. Die Tschick ist geraucht. Wir beschließen zu gehen. Also hinaus auf die Piaristengasse, wo es mittlerweile finster ist und nur ein einzelner Jogger für Bewegung sorgt. Ich gehe voraus, BOICUT kommt nach und schließt mit einer doppelten Umdrehung ab. Wir verabschieden uns. Nachdem wir uns gewunken haben, wendet er sich noch einmal der Tür zu. Er kontrolliert, ob sie tatsächlich abgeschlossen ist. Das ist keine Überraschung. Er macht es jedes Mal, wenn wir uns sehen. Das ist sein Tick – sein wiederkehrendes Sample.

 

 

 

Erschienen in: Ausstellungskatalog, Wien 2022