Dinge, die weg müssen

die Frage nach der jö-Karte

Jeder Freundeskreis hat ihn, diesen einen Typen (meistens sind es Männer), der das mit dem Datenschutz etwas genauer nimmt. Der weder whatsApp noch facebook hat und AGB-Felder, anders als wir andern, nicht einfach willenlos anklickt. Bei mir hieß der Lukas. Der Lukas hat uns damals in der WG dazu gebracht, untereinander die Billa-Vorteilskarten zu tauschen. Nicht einmal, sondern alle paar Wochen. Es wäre der einzige Weg, um die zu täuschen? Die? Das waren die Multis. Die uns locken mit Angeboten, um unsere Daten an Dritte zu verscherbeln. Ja, wir waren, wenn man so will, kleine Revoluzzer, zumindest hat es sich so angefühlt, wenn ich den Blick der Grantlerin an der Kassa abbekommen hab, der sagte „Wie eine Tamara schaust mir du aber nicht aus.“ Ganz auf die Karte verzichten, das kam nicht infrage, wir waren jung und brauchten die Angebote. Heute ist das anders. Die WG gibt’s nicht mehr, genauso wie die Billakarte. An ihrer Stelle steht jetzt die jö-Karte und die jö-Punkte und die vielen Vorteile, die man davon hat. Und für die braucht es keinen Lukas, um zu checken, dass es da um mehr geht, als um satte Rabatte. Es ist die Karte, nach der man österreichweit bei jedem zweiten Einkauf gefragt wird. Ob man jetzt tankt, Zahnpasta, Stifte, Versicherungen, Aktien, Tampons oder ein gefülltes Weckerl kauft. Manche sehen in der jö-Karte das größte Datenbeschaffungsprojekt der zweiten Republik, andere sehen sie kritisch. Sie sehen eine hübsch verzierte bodenlose Frechheit. Was also tun? Für halbwegs sensible Menschen war so ein Einkauf im Supermarkt schon vor der jö-Karte der reinste Wahnsinn. Viele Menschen, noch mehr Produkte und dazu das Gedudel von Radio Max. (Gibt’s Statistiken zu Panikattacken beim Billa?) Dann also doch, wir können es uns ja mittlerweile leisten, lieber zum Bobo-Greisler. Lieber Fantasiepreise für ein halbes Kilo Tomaten zahlen. Lieber sich zuschwafeln lassen, auf welchem Hügel im Bregenzerwald die Kühe jetzt genau grasen. Man steht dort, vor der lässigen Vintage-Vitrine und lässt das Bio-Geschwurbel durch sich durchfließen. Da wird geredet und geredet, über Hochalmrinder, die Toskana und Barriquefässer, über Reifeprozesse, Bodenkulturen und Röstgrade. Gefragt wird man hier aber überhaupt nichts. Schon gar nicht nach der jö-Karte. Und das allein ist jeden Cent wert.

 

Das Jackengrün der Fahrradboten

Die Jacke der mjam-Boten hat eine Botschaft. „Schau! Mich! An!“, brüllt sie und kotzt dir schamlos vor die Augen. Von der Dämmerung an sieht man das garstige Grün bei jedem Wetter durch die Stadt radeln. Diese Farbe ist wie der laute, unangenehme Typ auf der Party, der es ausnahmslos bei wirklich jeder versucht, und irgendwann, und das ist die Moral von der Geschicht, auch Erfolg hat. 

 

In: Fleisch Magazin, Ein Heft über das Verschwinden