Zwischen den Rüben

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Ich war fünf. Das Wort wolkenlos kannte ich nicht und der Himmel war blau.
Der Opa fahrt jetzt mit dir am Acker.
Opa, was machen wir am Acker?
Wir fahren zu den Zuckerrüben.
Opa, warum fahren wir zu den Zuckerrüben?
Wir lassen die Beregnung an. Die Rüben brauchen ein Wasser.
Opa, warum brauchen die Rüben ein Wasser?
Weil die Rüben ein Wasser brauchen.
Opa, sind die Rüben durstig?
Ja, die Rüben sind sehr durstig.
Großvater, der oft, wenn er mit mir sprach von sich in der dritten Person sprach, liebte nichts mehr als seine Felder und das, was auf ihnen wuchs. Seine Beziehung zu Tieren war vor allem eine zwischen Schädling und Schädlingsbekämpfer. Vielleicht aß er auch deshalb so viel Fleisch und kaum Gemüse. Für Hühner, Schweine oder Rinder empfand er kaum Mitgefühl, ganz im Gegensatz zu den Früchten seiner Felder. Voll Stolz präsentierte er sein Königreich – Halle, Maschinen, Schuppen und, ganz wichtig, Giftschrank. In dieser seiner Welt war er der allwissende Alleinherrscher. Auch deshalb blieb er meistens hier, in dem 200-Seelendorf, in dem er lebte. Wenn er, was er immer nur widerwillig tat, in die Stadt fuhr, um Gewand für den Privatgebrauch anzuschaffen, galt sein Vertrauen der Farbe Olivgrün und dem Geschmack meiner Großmutter. Wichtiger schien ihm adäquate Arbeitskleidung, sie sollte und durfte nur aus dem Bestellkatalog der Firma Engelbert Strauss kommen. Mit seinem jugendlichen Gesicht und seinem dichten Haar sah mein Großvater für sein Alter verdammt gut aus. Egal, in welchem Alter er gerade war. Mit Traktor samt Rohrwagen fuhren wir hinaus „in Sand“, wie er den Ort dieses drei Hektar großen Pachtlandes zu bezeichnen pflegte. Ein roter, knorpeliger Steyr aus einer Zeit, in der Hebel noch wichtiger waren als Knöpfe, bewegte uns fort. Im Radio spielte Radio, was genau, spielte für uns beide keine Rolle. Ich saß auf dem schmalen, schwarzledrigen Sitzpolster neben dem Fahrersitz, hielt mich am klobigen Griff des Seitenfensters und an der kräftigen Schulter des thronenden Großvaters fest. Auf der Bundesstraße energisch in der Nase bohrend, drehte er seinen Kopf dynamisch wie ein Gartensprinkler im 90°-Winkel hin – und her. In alternierender Reihenfolge: Blick: Feld, Blick: Straße; ich fragte mich immer, wonach er wohl Ausschau hielt, wenn er auf das Feld blickte; ihn fragte ich das nie. 
Großvater hetzte mit einer Freude gegen Neues, wo immer es auftauchte, nutzte es dann Jahre später, sobald es den Nimbus des Neuen los war, erst recht. In der Ablage lag es, vor der Windschutzscheibe, das stoß- und wasserfeste Multifunktionsding, gegen den Lärm des tuckernden Motors anhämmernd, vibrierend. Zuhause telefonierte er einsilbig, trocken, unterwegs wurde er zum Wasserfall. Im Skiuhrlaub prahlte er durch den Hörer mit der Summe der bezwungenen Pisten. Beim Wandern mit den Höhenmetern. Und nach langen Autofahren posaunte er, nach kurzem Blick auf den Tacho, die exakte Kilometerzahl hinaus, die wir zurückgelegt hatten. Das Irrationale, das nicht Zahlen und Fakten Ausdrückbare, das interessierte ihn nicht. Er war ein Mann des Konkreten. Kannte jedes Kennzeichen, österreichweit, den Familiennamen zu jeder Hausnummer, dorfweit. Wusste die Hauptstädte aller Lände, die bei Fußballweltmeisterschaften gespielt hatten, las keine Bücher, studierte die Zeitung. Urlaube verbrachte er in Österreich, alles darüber hinausgehende schaute er sich auf Landkarten und im Atlas an.
Alles war grün. Die Rüben vergruben sich unter der Erde, nur ihre Frisuren wehten zu Tausenden im Wind. Dicht hinter- und parallel zueinander gedrängt bildeten sie eine Formation, die jeder Armee zum Vorbild gereicht. Zwischen den Blätterreihen versteckten sich die endlos langen U-Boote, Großvater nannte sie Rohre. Nach jedem zweiten dieser Stahlrohre bäumte sich ein Kreisregner auf, der darauf wartete, gebraucht zu werden. Also darauf, das Wasser in gleichmäßigen Radien über die Fläche des Feldes solidarisch zu verteilen. Wenn die Blätter so groß sind, dass sie die Nachbarrübe berühren, gehören sie gegossen, sagte Großvater Jahre später zu mir. Während er jetzt die Pumpe mit dem Rohr verkuppelte, spielte ich mit den vielen, kleinen Insekten im Feld, versuchte dabei, innerhalb der Furche, meinen Fuß auf die Erde zu setzen – und nicht auf Rübenblätter oder kleine Käfer. „Hurerei!“ Er kniete am steinernen Brunnen, fauchte das Bewässerungsaggregat an: „So eine verdammte Hur! Die Pumpm is hin!“ Ich habe natürlich keine Ahnung, was sein genauer Wortlaut damals war, so in etwa hörte sich das bei ihm aber immer an. „Marie, komm, steig ein, wir fahren nach Haus! Das wird heut nix mehr!“ Behutsam stieg ich die Tonleiter hinauf, bis irgendwann auch der letzte Feldhase kapiert haben musste, dass hier ein Kind hysterisch plärrte. Großvater griff in die Brusttasche seiner abgekämpften Arbeitsjacke, latent gereizt entfuhr es ihm: „Warum weinst du jetzt?“ Keine Reaktion. „Willst du einen Schlecker?“ Als hätte ich seine Fragen nicht gehört, schrie ich weiter, immer weiter, immer lauter. „Marie, weißt du woraus der Schlecker gemacht wird?“ Keine Reaktion. „Ich sag’s dir: aus Zucker. Und weißt du, woher der Zucker kommt?“ Trotziges Kopfschütteln. Er fuhr, während er den Motor startete, fort: „Aus den Rüben vom Opa!“ Für einen Moment zog ich Wimpern und Augenbrauen stirnwärts. Es war still. Doch schon mit dem nächsten  kniff ich sie wieder zusammen. Er seufzte. Nur mit Freizeit wusste Großvater noch weniger anzufangen als mit weinenden Kindern. Schließlich musste er heilfroh gewesen sein, mich an diesem Tag in die Arme meiner Mutter zu übergeben. 
Irgendwo leuchtete ein Mond, der Himmel war schwarz geworden. In ihrem Frottee-Bademantel tapste sie in die Küche, griff sich auf den Handtuch umwickelten Kopf und keifte: „Marie!!! Bist du wahnsinnig?! Warum schüttest den den ganzen Zucker ins Wasser?“ Ich nahm wieder einen gegupften Löffel, kippte ihn in die Karaffe und antwortete: „Damit die Rüben keinen Durst mehr haben.“
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In: Forum Land, Anthologie, 2018