Monatstexte

Studio März – ein Design Studio aus Wien – hat mich gefragt, was ich oft gefragt werde: Du, wir bräuchten einen about-Text für unsere Website, hättest du? Statt einem Text sind es 12 geworden. Und zwar jedes Monat ein anderer. Auszüge:
Februar
Es ist Februar im Studio März. Eingehüllt in unsagbar hässliche Schutzumhänge schlottern die kleinen Körper der Chihuahuas durch die tiefgekühlte Stadt. Die optische Extravaganz der Vierbeiner wird kontrastiert von einer der Wetterlage geschuldeten Temperamentsmilde. So scheinen sie viel zu erfroren, um aufmüpfig zu bellen. Und selbst der Duft ihrer Häufchen bahnt sich in diesen Tagen nur selten den Weg nach oben in unsere Geruchsbahnen.
Fernab der urbanen Hundezonen wirft der kälteerprobte Rothirsch sein Geweih ab, damit im Frühjahr wieder ein neues, majestätisches Design auf seinem Haupt heranwachsen kann. Was also Gestaltungsfragen angeht, finden wir unsere Vorbilder weniger in der Chihuahua-Bekleidungsindustrie, als in der rohen, nackten Natur.  
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Mai
Es ist Mai im Studio März. Hier in unserer Küche schreibt man Glück mit 18 Buchstaben, denke ich, als ich früh morgens unserer Siebträgermaschine bei der Arbeit zuhöre. Während der weiche Duft aus Santo Domingo von einem Raum in den nächsten wandert, bleibe ich stehen und bewundere die Konstanz, mit der sie hier tagtäglich ihre Leistung bringt. Es tut gut, so verlässliche Mitarbeiterinnen bei sich zu wissen. Gleiches gilt auch für unseren Kleiderhaken, er hat uns gerade im letzten halben Jahr niemals hängen lassen. Und sogar unser anfangs noch so zart besaiteter Fikus Benjamin wächst nun mehr und mehr über sich hinaus. Dass man in unserer Branche auch mal die eine oder andere Nacht durchdrucken muss, haben wir von unserem HP Officejet 6700 Premium gelernt. Aber die wohl heißeste Anwärterin für die Mitarbeiterin des Monats ist und bleibt unsere warmherzige Herdplatte. Sie ist es, die jede unserer noch so rohen Ideen bis auf ihre Essenz einkocht.
Juni
Es ist Juli im Studio März. Äpfel und Birnen, das sollte man nicht verwechseln, werden jetzt noch nicht geerntet. Und auch der oftmals als Wiesenchampignon verkannte Knollenblätterpilz braucht noch ein Weilchen, bis er aus feuchten Moosböden wächst. Er ist für 95 Prozent aller tödlich verlaufenden Pilzvergiftungen verantwortlich. Weniger dramatisch: Ein junger Mann aus Berlin wollte seine Freundin in Australien besuchen. Blöd nur, dass er statt im brütenden Sydney im winterlichen Bergbauernstädtchen Sidney in Montana, USA, gelandet ist. Davon sichtlich unbeeindruckt chillte Felix Baumgartner in Cannes mit Ozzy Osbourne. Zumindest hat er das so auf facebook gepostet; tatsächlich war der Typ neben ihm nicht Ozzy, sondern Kiss-Gitarrist Gene Simmons. Ob der wohl je das Wort Duschlampe benutzt hat? Mein Urinstinkt sagt: Nein! Um derlei Konfusionen und Missverständnisse zu vermeiden, zählen Klarheit und Unverwechselbarkeit zu den wichtigsten Bausteinen für ein gelungenes Branding. Damit Ihrer Marke nicht dasselbe passiert, wie dem Juni im ersten Satz.
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September
Es ist September im Studio März.
Blühende Rapsfelder in allen Kniekehlen.
Im Zwischenraum der Wolken singen Yellow Days.
Sonne scheint aus zweiter Reihe.
Klettre hinauf den Kran, schau sie dir an.

Winnie Puh,
von Taxischildern erhellt,
erzählt fliehenden Zitronenfaltern im Sternenlicht:
Es gibt keine Honigmelonen im Dickicht!
Doch vor welchem Fenster wehen Forsythien?

Das Postauto wartet
auf den Entenschnabel im Stadtpark.
Aber die Eierspeis wird trotzdem kalt.
Öfter Dosenmais als den vom Kolben gegessen.
Nur die Frage bleibt: Pommes oder Bananen?
Hauptsache gelb.
November
Es ist November im Studio März. Die Blätter fallen von den Bäumen wie in ihr eigenes
Grab. Aus ihrem satten Grün werden mannigfaltige Töne in gelb und braun, bis sie
schließlich schwarzen Trauerflor tragen, als ob sie ihren eigenen Tod beweinten.
Während das feuchte Laub am Boden verwest, beginnt hoch oben am Ast
schon ein neues Leben. Das Neue, das Niedagewesene ist es, wonach wir
suchen. Manchmal finden wir es in der Shisha-Bar nebenan, manchmal in einem
Buch von Giambattista Bodoni und manchmal, wie vor kurzem erst, reisen wir
bis Marrakesch um es zu sehen, zu hören und zu riechen. Meistens passiert
dann gar nichts. Aber manchmal passiert das, was man Idee nennt.
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 Auftraggeber: Studio März (studiomaez.at)
Konzept: Michael Wittmann
Art Direction: Gabriel Hadler, Georg Liebergesell
Text: Michael Wittmann, Georg Liebergesell
Die Texte wurde ausgezeichnet mit einer Venus in Silber.