l’ultima luna

Ich spüre das Seil, an dem unsere Gondel hängt. Und du mein Zittern. Ich frage, ob du nicht auch denkst, dass… und du sagst, ach was. Längst hast du es dir abgewöhnt, mich ernst zu nehmen. Wir schweben auf 3000 Metern. Das Hochgebirge gibt mir das Gefühl, klein und unbedeutend zu sein. Es tut das auf eine angenehm einschüchternde Weise. Während ich das denke, starren deine erfahrungsdurstigen Augen ins Panorama. Da!, rufst du, ein Steinadler! Meine Augen schauen deine an, ich sehe, wie sie an den breiten Flügeln des Vogels kleben, wie fröhlich es dich macht, diesen Vogel zu sehen und wie fröhlich mich es macht, dich zu sehen. Sekunden vergehen, die Zeit steht, in mir rüttelt es und genau, wo? Hastig streckst du die Hand in den Norden, sagst, da! Ich folge ihr und gebe mir Mühe meine Begeisterung von dir auf die fliegenden Federn zu lenken. Es war unser erster Tag.

 

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Es war ein März in einem Lebensmittelgeschäft in einer Straße, die zu klein ist, um Straße genannt zu werden. Kollegen sollten wir sein. Du warst die Schlaue, die Schöne, die Gutgelaunte, du warst irgendwie viel zu viel. Du hattest Auslandssemester, Traveler- Stories und seeblaue Augen. Ich dachte schon damals, dass die Farbe Blau nur deshalb eine warme Farbe ist, weil sie die einzig wirklich vertretbare Pulloverfarbe ist. Du hattest deinen Wollpulli an und warst auf eine Weise schön, die nicht nur mir unangenehm gewesen sein konnte. Neben dir zu sitzen hieß, neben dem Lebensentwurf zu sitzen, den man selbst nicht hinbekommen hat. Von meiner Seite war da kein Begehren im Sinne von Sex, im Sinne von living together; viel mehr war da ein Gefühl der zweiten Reihe. Du warst der Mensch, der ich gerne gewesen wäre. – Erst später begriff ich, dass auch du in Teilen kaputt warst, und dass es weniger deine Facebook-Profil-tauglichen Attribute sind, in die ich mich verknallt habe, sondern die Ungeschönten. Ich habe mich in diesen Monaten nicht in deine Stärken verknallt, sondern in deine Schwächen. In das Chaos in deinem Kopf, in deinen auf Eleganz scheissenden, breitbeinigen Gang und eben nicht in deine seeblauen Augen, sondern in die Schluchten, die unter ihnen liegen.

 

 

Unter uns die Bodenlosigkeit und über uns das Jenseits. Du singst in die Gondel und tanzt die letzten Akkureste des iPhones leer. Wenn ich mich selbst in deinen Augen seh… oh… niente… Als es stumm wird, neigst du den Kopf auf schräg und sagst, dass du Wanda magst. Ich denke daran, was das heißt, jemanden zu mögen. Und frage dich, ob wir Freunde wären, wenn wir nicht… und du sagst, es beginnt gleich zu regnen. Und nach einer kurzen Pause frage ich dich, wo du leben möchtest. Und du sagst, egal. Ich denke an Cilento und an Procida und an Francesco, den Obstverkäufer. An den bitteren, roten Salat und wie gesund der wohl ist. Ich denke daran, wie es ist, mittellos in der Schweiz zu sein. An dieses: fuck! Und den Moment danach, als wir die Zeit aus Papier gestohlen haben. Ich denke an den zweifelsfreien Blick auf meinen Kinderfotos, und merke: Es ist der gleiche, wie jener, der jetzt durch das schmale Gondelfenster in die Wolken zielt. Ich denke an ein Einschlafen und wie schön es ist, von dir in den Schlaf gelesen zu werden. Wieder 10 sein. Wieder Kind. Ich denke daran, dass du mal ein Spermium warst und ich eine Eizelle. Dass du mal so klein warst wie mein Fingernagel und wie lange das schon her ist und warum erzählst du so wenig, wie es war, das Leben. Damals, im Mutterleib, am Bauernhof und später im Ballet. Ich frage mich, ob es ebenso schwer ist mit Ballet aufzuhören wie mit Fußball. Und denke daran, zu sterben. Und wie unpassend das jetzt ist. Ich denke an den Verfall unserer Körper und sehe Hologramme der dunkelbraunen Altersflecken auf deiner und auf meiner Hand.

 

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Die Welt von gestern und die von morgen und wir in der Mittelstation. Lass uns hier bleiben, sagst du, die Hand über den Sitzbezug streichend. Was man aus so einer Gondel alles machen könnte… stell dir vor, hier ein Bund Margeriten, da ein paar Bücher und da noch eine kleine Küchenzeile. Ja! Und Platten! Platten brauchen wir auch, sagst du, und wenn dann noch Platz ist, noch eine Sauna. Ja, lass uns Nacktsein!, sagst du. Wie der Steinadler. Ich denke daran, dass wir uns lieber ein Moped kaufen sollten. Weil Mopedfahren super ist. Und weil ich, um die Gel-Frisur nicht zu beleidigen, das Mopedfahren immer vermieden habe. Ich denke, dass sich nicht nur meine Haare verändert haben. Und es Zeit wird, die Kappe runter zu geben. Dass weder du noch ich jemals Crossfit machen werden und dass ich dich nicht nur deshalb liebe.

 

 

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Es war unsere erste Nacht. Deine halbhohen Lederschuhe im Vorzimmer meiner WG. Du bist am Fenster gestanden und hast den knospenbehangenen Baum mit derselben Neugier angesehen wie heute den Steinadler. Wie intensiv dein Knie neben meinem lag. Damals wusste ich noch nicht, wie es sein wird, die Distanz zu verlieren. Ich denke an ein „Guten Morgen“ und daran, wie ein „Guten Morgen“ klingen wird, wenn ich weiterhin so viele Zigaretten rauche. Ich denke an 14 Stunden im Kaffeehaus, an den Sinn zweier Unsinne. Und daran, wie egal die Musik bei Konzerten sein kann. Ich denke an den Steinboden Neapels, die beste Pizza der Welt. Und an das Meer. Und an alle Meere. Ich denke an Reisen, in denen du bestimmt nichts buchst. An die Faröer Inseln, an Grönland und an alle Kontinente. An den Flughafen in Marrakech und an alle Flughäfen und Bahnhöfe und frage mich, warum ich hier immer so viel mehr zuhause bin. Woodstock war lange vorbei. Der erste Streit und das Bier danach. Ich denke an eine kaputte Klospülung in der Via Duomo und wie anders das Leben damals war. Ich denke an die Air-BnB-Alm in den Dolomiten, an meine Panik vor den Kühen und wie wenig Angst du immer hast. Ich denke an ein Stiegenhaus, an deine Hand in meiner Hose und an den furzenden Esel. Ich denke an Popcorn, die aus Mundhöhlen singen und an Luigi, den Mechaniker, und wie es dem gelben Panda jetzt wohl geht?! Und dann denke ich an das Knabberzeug in der fancy Strandbude, das eigentlich etwas anderes hätte sein sollen und wie gut es war, dass es nichts anderes war, als das, was es war. Ist das nicht schön?, fragst du, als es zu regnen beginnt. Die Frage verlangt nach keiner Antwort. Ich weiß nicht, wie alt ich bin, wie alt du bist und wie viel die Grießnockerlsuppe gekostet ha. Unsere Gondel fährt. Hinauf und hinunter. Solange sie sich bewegt, bewegen auch wir uns. Auf und ab. Dem letzten Mond entgegen.

 

In: EBEN Magazine